sozial-geschichte

Im rahmen unserer forschung schauen wir auch auf die sozialstruktur der frühen haushalte in siedlung jungfernheide und wohnanlage an der afrikanischen strasse.

Dabei ist ungleich schwerer, aussagen zu den frauen in den haushalten zu machen als aussagen zu den männern, da die quellen entsprechend der damals üblichen handhabung vorwiegend männer als haushaltsvorstand nennen.

Alle personenbezogenen informationen in diesem abschnitt wurden quellen entnommen, die gemäss ihrer zweckbestimmung öffentlich zugänglich sind.

Zu den frühen bewohner·innen und nutzer·innen gehörten beispielhalber:

bewohner·in oder nutzer·inanschrift
Max Barthel (pseudonyme: Konrad Uhle, Otto Laurin), schriftsteller und übersetzer im umfeld von KPD und NSDAP. Nachbar von Friedrich ›Fritz‹ Rück.* — Das haus wurde vermutlich zumindest zeitweise auch von Barthels zweiter ehefrau Louise Barthel und ihren kindern Helga Barthel und Karl Wolfgang Barthel bewohnt. — 1933 Umzug in die siedlung schillerpark (heute corker straße 25, damals hausnummer 1), wo Barthel bis ende der 1930er jahre lebte.senegalstrasse 13
Gustav Bösel, stadtrat der KPD. Verbleib ab 1934 bisher ungeklärt.afrikanische strasse 29, etage 2
Julius Falk, herrenschneider mit atelier im haus bochumer strasse 11 (berlin-moabit).afrikanische strasse 23, etage 1
Wilhelm Gareis, architekt.afrikanische strasse 15, etage 1
Karl Heike, volkswirt, mitglied im reichsverband der deutschen volkswirte.afrikanische strasse 33, etage 2
Willy Hesse, stadtrat der KPD, später angestellter.afrikanische strasse 29, etage 1
Walther Löwenstein, kaufmann. Einziger bewohner im bereich der siedlung jungfernheide und der wohnanlage an der afrikanischen strasse, der im jüdischen adressbuch der Jahre 1929 und 1930 eingetragen ist, wenn auch mit einer falschen hausnummer, die es damals in der afrikanischen strasse nicht gab. Löwensteins verbleib ist bisher ungeklärt. In berlin ist ein stolperstein verlegt, der an ein opfer der shoa mit gleichem namen erinnert, dabei handelt es sich jedoch um eine andere person.afrikanische strasse 41
Friedrich ›Fritz‹ Rück (pseudonyme: Peter Wedding, Leo Kipfer), publizist und gewerkschaftsfunktionär im umfeld von USPD, KPD, SAPD und SPD; beteiligter der novemberrevolution im königreich württemberg; redakteur der roten fahne, nach dem zweiten weltkrieg chefredakteur der zeitschrift druck und papier (zentralorgan der industriegewerkschaft druck und papier), bundesvorsitzender der naturfreunde. — Das haus wurde vermutlich zumindest zeitweise auch von Rücks erster ehefrau Dora Rück bewohnt. — Nachbar von Max Barthel.* — Im herbst 1932 umzug nach stuttgart; im märz 1933 flucht nach basel.senegalstrasse 14
Ewald Schröder, milchhändler, erster betreiber des ladengeschäfts im block I der wohnanlage an der afrikanischen strasse.afrikanische strasse 15, hochparterre
Alfred Sielaff, herrenschneider mit atelier im haus ebelingstrasse 15 (berlin-friedrichshain).tangastrasse 8b
Erich Voigt, architekt; erster verwalter der wohnanlage an der afrikanischen strasse. Voigt bewohnte dort vermutlich die wohnung mit dem bis heute in veröffentlichungen am häufigsten gezeigten balkon der wohnanlage. Bisher ist ungeklärt, ob er als architekt auch an abschliessenden arbeiten zur fertigstellung der wohnanlage mitgewirkt hat.afrikanische strasse 19, etage 2
Adolf Zeisset, lebensmittelchemiker. Verfasser vieler wissenschaftlicher artikel zu teigführung und zu back- und lebensmitteltechnik.afrikanische strasse 19

*) Anmerkung: Max Barthel und Friedrich Rück waren seit 1913 befreundet, nachdem sie sich in stuttgart begegnet waren. Ihre freundschaft zerbrach an Barthels hinwendung zum nationalsozialismus.

Mindestens drei der haushaltsvorstände, die zu den erstbewohner·innen der wohnanlage an der afrikanischen strasse aus dem Jahr 1928 gehörten, lebten auch im jahr 1970 noch dort:

bewohner·inanschrift
Wilhelm Brusch, bürogehilfe, später bautechniker.ugandastrasse 8a
Otto Gille, lokomotivführer.afrikanische strasse 17
Paul Voigt, steuerassistent, später obersteuersekretär.dualastrasse 12a, etage 1 (1928) / afrikanische strasse 31 (1970)

Von weiteren haushalten in der wohnanlage in den jahren 1963 und 1970 lässt sich annehmen, dass es sich bei ihnen um haushalte von hinterbliebenen der ursprünglichen haushaltsvorstände handelt:

bewohner·in 1928bewohner·in späteranschrift
P[aul?] Erdmann, stadtobersekretär.Luise Erdmann (1963).tangastrasse 8a
Willi Fidrich, buchhalter.Margarete Fidrich (1970).afrikanische strasse 21
Fritz Fiebig, polizeibeamter.Frieda Fiebig, rentnerin (1970).afrikanische strasse 29, hochparterre
Wilhelm Gareis, architekt.Getrud Gareis (1970).afrikanische strasse 15, etage 1
Friedrich Gerber, kaufmann.Margarete Gerber, rentnerin (1963).afrikanische strasse 19, hochparterre
Otto Hilz, beamter.Ida Hilz (1963).afrikanische strasse 37, etage 2
Adolf Holz, angestellter.Helene Holz, fischhändlerin (1963).afrikanische strasse 21
Ewald Kranz, schlossermeister.Anna Kranz (1970).afrikanische strasse 41
Max Lange, stadtobersekretär.Gertrud Lange (1963).afrikanische strasse 23, etage 1
Georg Lasarzweski, stadtassistent.Gertrud Lasarzewski (1963).sambesistrasse 10a
Karl Marczinke, lokomotivführer.Elise Marczinke (1963).afrikanische strasse 37, hochparterre
Max Meseck, ingenieur.Hedwig Meseck, stenotypistin (1970).ugandastrasse 8b, etage 1
Max Müller, prokurist.Getrud Müller, stenotypistin (1963).afrikanische strasse 39, etage 2
Walter Redmann, reichsbahn-ladeschaffner, später schlosser.Helene Redmann, pensionärin (1963).afrikanische strasse 31
Alfred Röschert, stadtsekretär.Herta Röschert, kleberin (1963).afrikanische strasse 37, hochparterre
Reinhold Stenzel, lehrer, später rektor.Martha Stenzel (1963).afrikanische strasse 33, etage 2
Wilhelm Wagner, krankenpfleger.Anna Wagner, rentnerin (1970).sambesistrasse 10a, hochparterre

Schräg gegenüber des ladengeschäfts in der afrikanischen strasse 15 befand sich von 1889 bis 1939 eine grosse gartenwirtschaft mit festsaal, deren hauptgebäude das eckhaus seestrasse / afrikanische strasse war. Das ladengeschäft hatte also zur bauzeit der wohnanlage an der afrikanischen strasse anders als heute ein gewerbliches gegenüber mit vielen besucher·innen, zu denen sicherlich auch handwerker·innen und bewohner·innen der siedlung jungfernheide und der wohnanlage an der afrikanischen strasse gehörten.

Durch den garten des grundstücks verlief zumindest anfangs der fenngraben (mehr dazu unter dem thema landschafts-geschichte). Das eckhaus der früheren gartenwirtschaft wurde in den 1980er jahren abgerissen.

Die gartenwirtschaft an der ecke zur afrikanischen strasse war der auftakt einer heute nicht mehr vorhandenen ›vergnügungsmeile‹ an der äusseren seestrasse, westlich des fenngrabens. Auf der anderen seite der seestrasse, gegenüber den evangelischen friedhöfen, folgten die ausschanke und gastwirtschaften der gärungswissenschaftlichen forschungseinrichtungen. Auf einem teil des eckernförder platzes an der seestrasse betrieb Ida Hoppe ihre gartenwirtschaft. Auch gegenüber, im östlichen winkel zwischen plötzensee und seestrasse lag eine gastwirtschaft. Auf der anderen seite des schifffahrtskanals folgten auf der nordseite der seestrasse, im bereich der heutigen ›dreiecksinsel‹, weitere gartenwirtschaften.

Insgesamt dürften die ausschanke und gastwirtschaften an der seestrasse auf der strecke von der afrikanischen strasse bis zur ›dreiecksinsel‹ ein tägliches fassungsvermögen von über 10.000 plätzen gehabt haben. Allein für den heute nicht mehr vorhandenen saalbau mit gartenwirtschaft der hochschulbrauerei warb der betreiber im jahr 1931 mit saalgrössen bis 1.200 sitzplätzen und einem fassungsvermögen des dazu gehörigen bewirteten konzertgartens von bis zu 4.000 personen.

Das gasthaus der gartenwirtschaft am westhafen-verbindungskanal wurde in den letzten Jahren des zweiten weltkrieges zur unterbringung von 60 zwangsarbeitern des AEG-standortes brunnenstrasse genutzt (mehr zu dieser zeit unter dem thema NS-geschichte). Auf dem gelände dieser gartenwirtschaft steht heute das gebäude der früheren brückenmeisterei seestrasse nach dem entwurf von Rainer G. Rümmler (bauzeit 1978–1980, nach aufgabe der nutzung als brückenmeisterei durch umbau verändert).

Die geschichte der äusseren seestrasse als vergnügungsmeile zeigt, dass zur bauzeit der siedlung jungfernheide und der wohnanlage an der afrikanischen strasse ein wichtiger teil der alltags- und begegnungskultur nicht wie heute in erster linie an der müllerstrasse stattfand und gedanklich dorthin orientiert war, sondern an der äusseren seestrasse, trotz der dort gelegenen friedhöfe. Deshalb waren auch siedlung und wohnanlage nicht abgelegen, sondern nah am alltagsleben derjenigen, die dort nicht lebten.

Diesen charakter hat der strassenzug der äusseren seestrasse nicht nur durch die schäden des zweiten weltkrieges verloren, sondern auch dadurch, dass er ab den 1950er jahren zu einem autobahnzubringer umgebaut wurde (mehr dazu unter dem thema verkehrs-geschichte).

mies van der rohe siedlung